Basierend auf Ihrer Erfahrung, wie hat sich die Rolle des Energiemanagers in den letzten zehn Jahren entwickelt? Wie sehen Sie diese Rolle zu einer strategischeren Rolle heranwachsen?
In den letzten zehn Jahren hat sich die Rolle des Energiemanagers radikal gewandelt. Was einst hauptsächlich eine operative Funktion war, ist heute in eine wachsende Komplexität eingebettet: von der Volatilität der Energiepreise bis hin zu kontinuierlichen regulatorischen Änderungen – man denke nur an das italienische Gesetzesdekret 102/2024, das nicht nur Diagnosen, sondern auch Maßnahmen, Berichterstattung und neue "grüne" Bedingungen erfordert. Hinzu kommen die Entwicklungen im Zusammenhang mit Anreizen, ATECO-Klassifikationen und Marktmechanismen wie Energy Release oder der Unterbrechbarkeit.
Parallel dazu hat die ESG-Compliance neue Verantwortlichkeiten mit sich gebracht: In produzierenden Unternehmen ist der Energiemanager zum ersten Ansprechpartner für Kohlenstoffemissionen und für die Definition von Dekarbonisierungsstrategien geworden.
Aus all diesen Gründen entwickelt sich die Rolle zu einer immer strategischeren Funktion, die mit Wettbewerbsfähigkeit und langfristigen Entscheidungen verbunden ist. Es geht nicht mehr nur um Verbrauchsmanagement, sondern um eine integrierte Vision, die Energie, Produktion, Finanzen und Nachhaltigkeit vereint. Und genau in diesem Kontext können Lösungen wie Veil die Energiemanager dabei unterstützen, diese Komplexität mit Daten, Technologie und fortschrittlicher Analyse zu bewältigen.
Warum haben Sie sich entschieden, E-BOOST zu entwickeln, und welche spezifischen Bedürfnisse des Energie-Ökosystems soll es erfüllen?
Als wir mit der Entwicklung von E-BOOST begannen, war unser Ziel sehr konkret: die Rentabilität und Zuverlässigkeit von Stromerzeugungsanlagen zu verbessern. Im Jahr 2015 sahen sich viele Kunden in den Bereichen Photovoltaik, Windkraft und Biogas häufigen Problemen wie Anlagenstillstand, Störungen, nicht optimierter Wartung und Leistungen weit unter den Erwartungen gegenüber. Es wurde ein Werkzeug benötigt, das die Anlagenverfügbarkeit erhöhen und gleichzeitig eine effektivere Verwaltung der erzeugten und ins Netz eingespeisten Energie ermöglichen konnte.
Seit 2019 sehen wir einen spiegelbildlichen Bedarf bei industriellen Prosumer-Standorten und großen Energieverbrauchern: Hier ging es nicht darum, Energie besser zu verkaufen, sondern weniger zu verbrauchen, Kosten zu senken und die Integration mit der Eigenproduktion zu optimieren. Die Komplexität war dieselbe, aber mit einem anderen Ziel.
E-BOOST wurde genau dafür geschaffen, um auf diese beiden Welten zu reagieren: Erzeuger und Verbraucher, die die Notwendigkeit teilen, ihre Energieflüsse zu überwachen, zu verstehen und zu optimieren.
Wie ermöglicht die Digitalisierung, insbesondere die Automatisierung und Echtzeit-Einblicke, Energiemanagern den Übergang von der Berichterstattung zur Entscheidungsfindung?
Die Digitalisierung ermöglicht Energiemanagern einen fundamentalen Wandel: von der einfachen Berichterstattung hin zu einem wirklich kontinuierlichen Entscheidungsprozess. Heute wird ein Großteil ihrer Zeit durch die Datenerfassung in Anspruch genommen, die oft heterogen, unvollständig oder sogar fehlerhaft ist, bedingt durch inkorrekte Installationen oder nicht dokumentierte Änderungen. Ein zuverlässiges digitales System – das Daten zentralisiert, validiert und strukturiert – setzt wertvolle Zeit frei, macht die historische Berichterstattung robuster und ermöglicht es, die Aufmerksamkeit vom „Rückblick“ auf das Handeln in Echtzeit zu verlagern. Hinzu kommt ein entscheidender Vorteil: die Möglichkeit, mit klaren und standardisierten Energieindikatoren zu arbeiten, wie den in der ISO 50001 vorgesehenen EnPIs, die helfen, den Verbrauch konsistent und vergleichbar zu interpretieren.
Die Automatisierung und der Einsatz von KI führen dann zu einem weiteren Qualitätssprung. Algorithmen wie unser ENERGY TWIN analysieren die Überwachungsdaten und heben Muster, Anomalien und Ineffizienzen hervor, die oft für das menschliche Auge nicht erkennbar wären. Dies ermöglicht es dem Energiemanager, schnell zu verstehen, wo eingegriffen werden muss und welche potenziellen Auswirkungen dies hat.
Ein konkretes Beispiel: E-BOOST berechnet die "unproduktive" Energie, d. h. die im Standby verbrauchte Energie. Wenn ein Asset, das 10% des Gesamtverbrauchs ausmacht, 15% unproduktive Energie aufweist, weiß der Energiemanager sofort, dass die Eliminierung dieser Verschwendung bis zu 1,5% des Unternehmensverbrauchs einsparen kann. Dies ist eine sofortige, umsetzbare Information, die einen Datenpunkt in eine Entscheidung umwandelt.
Zusammenfassend ermöglichen Digitalisierung und Automatisierung dem Energiemanager den Wandel von der Rolle des „Verbrauchshüters“ zu einer aktiveren und strategischeren Rolle, die in der Lage ist, zeitnah, gezielt und messbar einzugreifen.
E-BOOST automatisiert die Datenerfassung, Analyse und Audit-Compliance. Wie wirkt sich dieser Wandel auf die tägliche Arbeit von Energieberatern (EGE) und Energiemanagern aus?
Die Einführung von Tools wie E-BOOST verändert die tägliche Arbeit von Energiemanagern und EGEs erheblich. Wie ich bereits erklärt habe, wird ein beträchtlicher Teil ihrer Zeit immer noch durch die Datenerfassung und -organisation beansprucht. Durch die Automatisierung dieser Phase beseitigt E-BOOST einen der Hauptengpässe: Daten werden in Echtzeit erfasst, validiert, strukturiert und sind sofort verfügbar.
Für EGEs bedeutet dies, auf dedizierte und automatisch aktualisierte Berichte zugreifen zu können – von der Aufschlüsselung des Verbrauchs, die durch das Gesetzesdekret 102/2014 gefordert wird, über Register für die Zollbehörde, von Energieeffizienzzertifikaten (TEE) bis hin zum Scope 1 und 2 CO2-Fußabdruck. Informationen, die normalerweise Tage Arbeit erfordern würden, werden mit einem Klick verfügbar.
E-BOOST fungiert auch als ein echtes Energiemanagementsystem, das der ISO 50001 entspricht: Es ermöglicht die Verfolgung verschiedener EnPIs und integriert auch Produktionsdaten problemlos. Dank Energy Twin können sogar die Nutzungsstunden eines Assets – automatisch nur aus den Messdaten berechnet – zu zuverlässigen Produktions-KPIs werden, wodurch die Notwendigkeit entfällt, auf externe MES oder Managementsysteme zuzugreifen. Ein großer Vorteil, insbesondere für Sektoren, in denen "Maschinenstunden" bereits ein gängiger Bezugspunkt sind.
Wir führen auch Funktionen ein, die speziell für EGEs entwickelt wurden und Energieaudits sowie vorläufige wirtschaftliche Bewertungen typischer Eingriffe wie Photovoltaikanlagen rationalisieren. Zusammenfassend ermöglicht E-BOOST Energieberatern, von der manuellen Datenverwaltung zu einer Beratung mit hohem Mehrwert überzugehen, Zeit freizusetzen, Fehler zu reduzieren und sofortige Werkzeuge zur Unterstützung technischer und strategischer Entscheidungen anzubieten.
Wie können Energiemanager über Audits und Monitoring hinaus Softwareplattformen für umfassendere Unternehmensziele wie Wettbewerbsfähigkeit, Rentabilität und ESG-Berichterstattung nutzen?
"Ich glaube, es ist ein Fehler, Softwareplattformen immer noch nur als Compliance-Tools zu betrachten, die für Audits und Monitoring delegiert sind. Die eigentliche Entwicklung und der Wert für Energiemanager liegen darin, das Energiemanagement in einen strategischen Treiber zu verwandeln, der sich direkt auf die Wettbewerbsfähigkeit, Rentabilität und ESG-Berichterstattung auswirkt."
Wir sehen einen klaren Pfad der „Adoptionskurve“, der das Unternehmen von der Beobachtung zur strategischen Integration führt, wobei Energie nicht mehr nur eine variable Kostenstelle ist, sondern ein finanzieller Hebel.
Mit Lösungen wie E-BOOST überwinden wir die Logik historischer Daten, indem wir die Kosten der Marktenegieträger in Echtzeit integrieren. Dies ermöglicht die Implementierung intelligenter Automatisierungen, die Nachfrage, Produktion und Preise kreuzen, um jederzeit die minimalen Energiekosten des Standorts zu verfolgen, wodurch die Kosten pro Produkteinheit radikal optimiert werden, ein entscheidender Aspekt für jeden Energiemanager.
Dieser fortschrittliche Ansatz eröffnet auch neue Geschäftshorizonte, wie die Möglichkeit, Standorte in aktive Prosumer zu verwandeln, die Flexibilität durch BESS (Battery Energy Storage Systems) monetarisieren können und fast als Händler agieren. Darüber hinaus ist Effizienz nicht nur eine Einsparung: Es ist der direkteste Weg, um Scope 1- und Scope 2-Emissionen effektiv anzugehen. Kurz gesagt, moderne Plattformen stellen nicht nur die Erreichung der PNIEC 2030-Ziele sicher, sondern garantieren auch, dass sich die Investition in Effizienz direkt in einem nachhaltigen Wettbewerbsvorteil und einer robusten ESG-Berichterstattung niederschlägt.
Welche Rolle spielen Speichersysteme wie BESS in der sich entwickelnden Energielandschaft und wie sollten sich Energiemanager auf diesen Wandel vorbereiten?
Die Rolle von Speichersystemen, BESS, ist fundamental und entwickelt sich rasant weiter. Der ständige Rückgang ihrer Kosten hat Szenarien eröffnet, die Unternehmen operative und finanzielle Freiheitsgrade bieten, die es so noch nie gab. Wir sprechen nicht nur über etablierte Logiken wie Peak Shaving, das entscheidend ist für die Reduzierung von Fixkosten und Problemen im Zusammenhang mit dem Einspeisepunkt, oder Load Shifting, das es ermöglicht, Energie in Zeiten geringster Kosten aus dem Netz zu beziehen und in Spitzenzeiten zu nutzen.
BESS ist der Schlüssel, der es dem Unternehmen ermöglicht, an den Märkten teilzunehmen und sich in eine Art Energiehändler zu verwandeln. Dank Mechanismen wie Arbitrage – typisch bei Photovoltaikanlagen – und, noch strategischer, der Teilnahme an Märkten wie der Unterbrechbarkeit oder dem Capacity Market ist das Unternehmen nicht mehr nur ein Verbraucher, sondern ein Dienstleister für das Netz, der neue und bedeutende Einnahmequellen erschließt.
Angesichts dieses Szenarios müssen sich Energiemanager und EGEs auf zwei Arten vorbereiten: Erstens ist es entscheidend, die Mentalität des Eigenverbrauchs zu überwinden und einen Ansatz der finanziellen Optimierung zu verfolgen. Zweitens müssen sie intelligente Softwareplattformen fordern und lernen, diese zu nutzen, die nicht nur die interne Effizienz verwalten, sondern auch in der Lage sind, BESS dynamisch mit den Marktschwankungen der Preise und den Vergütungsmechanismen von Terna zu verbinden und zu optimieren. Nur so wird der Speicher zum ultimativen Instrument zur Maximierung der unternehmerischen Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz.
Der menschliche Faktor bleibt im Energiemanagement grundlegend. Welche Kompetenzen benötigt der Energiemanager von morgen, und wie können Technologien wie E-BOOST ihn dabei unterstützen?
Der menschliche Faktor wird niemals ersetzt, aber seine Rolle wird verstärkt und transformiert. Der Energiemanager von morgen muss sich vom Anlagentechniker zum Daten- und Prozessstrategen mit einer starken finanziellen Vision entwickeln. Die Technologie stoppt in der Tat dort, wo menschliche Prozess- oder Entscheidungsbeschränkungen beginnen: Eine Software wie E-BOOST kann sofort ein Druckluftleck erkennen, aber die tatsächliche Behebung erfordert die Erfahrung des EGE, um den Eingriff zu planen, ohne die Produktion zu beeinträchtigen.
Technologien wie unsere wirken als kognitiver Verstärker. Sie treffen keine Entscheidungen, sondern befreien den Energiemanager von Berichterstattung auf niedriger Ebene und liefern strategische Einblicke und prädiktive Optimierungsszenarien. Im Wesentlichen beantwortet das System das „Was“ und ermöglicht es dem Menschen, sich auf das „Wie“ zu konzentrieren: den Input in einen konkreten und nachhaltigen Aktionsplan umzusetzen. Die Synergie zwischen der Zuverlässigkeit des Algorithmus und jahrzehntelanger Erfahrung ist der wahre Schlüssel für den zukünftigen Erfolg energieintensiver Unternehmen.
Mit Blick auf die Zukunft, was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen und Chancen für Energiemanager in den nächsten 5-10 Jahren?
In den kommenden Jahren wird der Energiemanager eine ständige Spannung zwischen Energiekosten, die kritisch bleiben werden, verschärft durch die wachsende und schnelle Energienachfrage von Rechenzentren für KI, und einer immer strengeren europäischen Regulierung spüren. Die neue Energieeffizienzrichtlinie (EU 2023/1791), die den Kreis der Unternehmen erweitert, die Audits unterliegen, und die ISO 50001 für große Energieverbraucher vorschreibt, macht Energiemanagement zu einer unvermeidlichen strategischen Verpflichtung.
Die eigentliche Chance liegt in der stetig zunehmenden Interaktion mit dem Netz. Die Energiewende stellt die Verteilung vor erhebliche Herausforderungen, und die Netzbetreiber werden immer mehr Flexibilitäts- und Kapazitätsdienste anfordern. Für Energiemanager bedeutet dies, ihre operative Resilienz zu stärken – wie jüngste Ereignisse wie der Blackout in Spanien gezeigt haben – und gleichzeitig diese Flexibilität zu monetarisieren. Durch die Verwandlung des eigenen Standorts in einen aktiven Marktteilnehmer eröffnen sich neue Einnahmequellen, die Energieeffizienz zu einer Win-Win-Geschäftsstrategie für die Zukunft machen werden.